Über das Harpyienspiel

Das Harpyienspiel wird in verschiedenen Domänen ganz unterschiedlich gehandhabt. Gründe gibt es dafür viele. Meine Erfahrung ist jedoch, dass Harpyienspiel erst dann Spaß macht, wenn man mehrere am Spiel beteiligt. Letztlich kann man nur in Gruppe sozial sein, und lästern, klatschen und tratschen und sich über die letzten Ereignisse austauschen ist ein höchst soziales Verhalten.

Aus dem Wunsch heraus Harpyien-Spielern die Möglichkeit eines lockeren Austauschs mit Gleichgesinnten zu geben, ist der Bund der Harpyien entstanden. Den Bund kann man sich wie einen altertümlichen Salon oder ein Netzwerk vorstellen. Hier schreiben sich alte Bekannte von Erlebtem, tauschen sich aus und machen sich ein Bild von der Welt. Der Bund darf jedoch nicht als ein abgeschlossenes System angesehen werden. Vielmehr ist der Gedanke, dass die Vielfalt dazu beiträgt sich ein gutes Bild zu machen.

Der Bund der Harpyien

Der Bund der Harpyien entstand aus dem Salon des Chevalier de Preteau in Paris, der in den Jahren 1687 bis 1711 in dieser Form existierte. Conrad Benedikt von Stade, ein junger Toreador Ancilla, war zu dieser Zeit ein häufiger Gast und fand an dem Salon großen Gefallen. Gemeinsam mit Maria Catharina Gräfin von Tordossa, Lucien Baron de Vivier und Jaruslav Romanov, gleichfalls aus dem Clan der Rose, begründete er einen regen Austausch, welcher im Jahr 1702 zur Gründung des Bundes führte. Das erste formale Treffen fand im Jahre 1704 in Köln am Rhein statt. Die Mitglieder trafen sich und tauschten sich über die High Society der Camarilla aus und etablierten einen regelmäßigen Austausch durch die bekannt gewordenen Harpyienbriefe. Diese Briefe wurden von den jeweiligen Kennern der Gesellschaft ihrer Region verfasst und an die anderen Mitgliedern verschickt.

Im Jahre 1726 etablierte der Toreador Claude Jolyot Crébillon die Idee eines Almanachs des Bundes, eine Idee, die von Lucien Baron de Vivier und Conrad von Stade aufgegriffen wurde. Im folgenden Jahr sammelten sie die Informationen der Harpyienbriefe zusammen und erstellte den ersten Almanach des Bundes mit einem Vorwort der Ahnin Marie-Claire de Scudéri aus dem Clan Toreador. Der Almanach des Bundes wurde ihm Jahre 1728 herausgebracht, in dem Wunsch, den Mitgliedern des Bundes ein höfisches Nachschlagewerk an die Hand zu geben, in welchem nebst Sitten und Gebräuchen, auch Auskunft über Rang und Würden der Prinzen und Fürsten der Camarilla sowie deren Amtsträger zu finden sei. Später erfolgte die Erweiterung um die Kategorie derjenigen Ahnen – einige Jahre später auch Ancilla –, die weithin für ihre Taten bekannt wurden und als solches Verehrung verdienen.

Der Almanach wurde in den folgenden Jahren nicht nur ein Nachschlagewerk der Mitglieder des Bundes sondern etablierte sich als Almanach des Bundes der Harpyien in seiner ersten, allgemeinen Ausgabe im Jahre 1758, im Rahmen des Konklaves zu Orléans im Jahre 1758. Von Justikarin Violetta aus dem Clan der Rose gebeten, die Rangfolge für das Große Konklave zu etablieren und als ihr Kämmerer zu dienen, veröffentlichte Maria Catharina Gräfin von Tordossa mit Hilfe von Großfürst Jaruslav Romanov und Conrad von Stade die erste allgemeine Ausgabe des Almanachs. In dieser Tradition gab der Bund in unregelmäßigen Abständen von ungefähr vier bis sieben Jahren eine neue Fassung heraus, meist zu einem besonderen Anlass. Der Austausch in dieser Zeit erfolgte brieflich und über vertrauensvolle Boten und so brauchte es Zeit, die notwendigen Informationen zu erstellen.

Im Jahre 1887 übernahm Conrad Benedikt von Stade die alleinige Position des Herausgebers des Bundes der Harpyien, da  Lucien Baron de Vivier auf tragische Weise ums Leben gekommen war. Seitdem ist der Almanach stets um die Harpyienbriefe der Mitglieder des Bundes erweitert worden. Zu besonderen Anlässen hat der Bund es sich zur Aufgabe gemacht eine Sonderausgabe herauszubringen, in welcher die Harpyien über die Rangfolge der anwesenden Gäste informiert werden.

Conrad von Stade hat in diversen Harpyienbriefen auch zu der Etikette selbst vielfach Stellung genommen. Einige seiner bekannteren Ausführungen sind im folgenden zu finden. Mitglieder des Bundes oder Person, die sich in besonderer Weise mit der Etikette befassen, haben diese Schreiben sicherlich in der ein oder anderen Form kennen gelernt.

Vom Reisen und Empfehlungsschreiben

War Reisen einst für die Kinder Kains ein Grauen, welchem man mit Schrecken entgegen sah, so ist es heute dank schneller Automobile oder gar Flugzeugen, einfach, in einer Nacht die nächste Stadt zu erreichen. In dicht besiedelten Gebieten ist man nur eine Stunde oder zwei vom Ball der nächsten Domäne entfernt.

Und doch bringt das einfache Reisen seine ganz eigenen Probleme mit sich. Wie nun begegnet man einer Schaar von Gästen jedweder Couloir? Welches Ansehen hat diese Person, die man vielleicht persönlich nicht kennt? Hier ist das Kontaktnetzwerk des Bundes von unschätzbarem Wert, kann man doch darauf zurückgreifen und um Rat und Hilfe bitten. Der Almanach des Bundes sollte für alle Interessierten zum Standardrepertoire gehören, ist doch mit seiner Hilfe oftmals eine erste Kategorisierung von Gästen möglich.

Als hilfreich haben sich aus Empfehlungsschreiben herausgestellt. Hierbei übergibt ein Mitglied des Bundes dem Reisenden ein Schreiben, in welchem anderen Bundesbrüdern über Rang und Ansehen der reisenden Person berichtet wird. Solcherlei Schreiben sollten jeder anständigen Person einen kleineren Gefallen wert sein, denn so manchem hat allein das Wappen des Bundes schon Tür und Tor geöffnet.  

Dem Schreiber eines solchen Empfehlungsschreiben sei folgendes an die Hand gegeben: Sei wahrhaftig, besonnen und klug in der Wahl der Worte, wie auch in dem was du sagst und was du verschweigst; insbesondere da Ihr nicht wisst, wer dieses Schreiben lesen wird, seid formvollendet und sicher eures Stils. Bemüht nicht einen romantischen, ausufernden Stil, sondern bleibt bei den ruhigen, gesetzten Worten der Diplomatie.

Es hat sich gezeigt, dass der Kanzleistil der Zeit um 1800 herum, eine ideale, wenn auch nicht einfache Form ist, ein Empfehlungsschreiben zu verfassen.

In der Anrede verwendet man – wenn der Adressat nicht persönlich bekannt ist – stets die folgende bekannte Floskel:

Den höchst edlen Damen und Herren Empfänger dieses Schreibens,
versichert sei, des Bundes stets untertänigste Dienste sowie stets treue Hilfe und Ergebenheit;

Es folgt nun die Beschreibung der Person und ihrer Errungenschaften. So erwähnt man neben Ämtern und Würden auch besondere gesellschaftliche Ereignisse, auf welcher die Person zugegen war, oder für diese sogar Verantwortung trug. Auch Komplimente anderer können angefügt werden, sind diese doch Beleg und Zeugnis dafür, dass der Name der Person in aller Munde ist.

Es mag eine seltsame Angewohnheit sein dem Schreiben keine eigene Meinung hinzuzufügen, doch haben findige Schreiber es stets geschafft andere für sich sprechen zu lassen, um nicht selbst in den Verruf zu geraten, der Person gewogen zu sein, für die das Schreiben verfasst wurde.

Das Schreiben endet mit den folgenden Floskeln:

Hoffend Ihnen, höchst edle Damen und Herren, in treuergebener und dienstwilligergeben Weise gedient zu haben;

versichert des Bundes stets getreuer Dienste und geziemender Hochachtung;

hoffend Eurer andauernden Huld und gewogenen Gnade;

Es folgen Ort und Datum an dem das Schreiben verfasst wurde, sowie eine persönliche Zeile des Autors. Es ist üblich, dass Schreiben heutzutage nicht mehr per Hand verfasst werden, um Schreiber und Empfänger nicht in Verlegenheit zu bringen – wie oft schon hat eine schwierige Handschrift zu Verstimmung geführt? Und doch, ganz unpersönlich soll selbst ein solches Schreiben nicht sein, und so ist es Sitte, dem Brief handschriftlich nicht nur den eigenen Namen hinzuzufügen, sondern noch eine Floskel, wie:

Ihr stets beflissen dienstergebener und demütiger Diener

All diese Formalien sind so gewählt, um Schreiber und Empfänger des Briefes zu schützen. Durch die Standardisierung der Korrespondenz und des Stils, soll einem jeden es möglich sein, den Brief zu schreiben und gleich der Person, die diese Brief letztlich erhält, sicher zu stellen, dass Anstand und die guten Sitten gewahrt bleiben, und der Empfänger sich nicht übermäßig erhöht aber auch nicht herabgesetzt fühlt.

Conrad Benedikt von Stade, Ahn von Clan Toreador, Herausgeber des Bundes
Über die Symbolik unserer Sitten und Gebräuche

Die Welt mag den Jungen schnell vorkommen, und unsere Sitten und Gebräuche alt, schwerfällig und zuweilen aus einer anderen Zeit; und ist es auch wahr, dass andere Stilmittel, Schreibstile und Wege der Kommunikation in der heutigen Zeit gelten, so gibt es gute Gründe für den Erhalt der, den jungen Leuten so archaisch anmutenden, Gepflogenheiten. Sie dienen dem sicheren Miteinander, einer festen Basis auf der sich die verschiedensten Kainskinder zusammenfinden können und einander begegnen. Feste Rituale vermeiden Konflikt. Symbole und symbolträchtige Handlungen sind mächtig und dienen der Sicherung unserer Gesellschaft. Der Kniefall und das symbolische „in die Hand geben“ einer mächtigeren Person ist einprägsamer als die Unterzeichnung eines jeden Vertrags. Die Belehnung mit einer Fahne oder die Übergabe eines Schwertes versteht ein jeder, ohne dass ein Wort gesprochen werden muss. Diese Symbole sprechen zu uns direkt, sie benötigen keiner Interpretation.

Vom Rang und Ansehen in einer Domäne

Rang innerhalb einer Domäne ergibt sich aus der vom Herrn der Domäne definierten Ordnung. Alle Ehren gehen vom Herrscher aus, der als fons honoris gilt, die Quelle der Ehrungen. Hat eine Person vom Fürsten der Stadt ein Amt übertragen bekommen, so ist mit diesem Amt eine Aufgabe verbunden. Die Aufgabe beinhaltet die Teilübertragung von herrschaftlicher Gewalt auf die Person – so wird diese meist mit bestimmten Rechten ausgestattet um den übernommenen Pflichten nachzukommen. Dadurch ergibt sich eine Rangordnung, denn jene mit höherer Macht und weitreichenderen Rechten werden als höherrangig betrachtet, da einflussreicher. Nicht nur aufgrund der verliehenen Rechte sondern auch aufgrund des Vertrauens, das diese Person offensichtlich beim Fürsten genießt.

Ansehen innerhalb einer Gesellschaft wird von der Gesellschaft definiert. Ansehen ist nicht gleich Rang. Es kann jemand ein hohes Amt haben und dennoch wenig von der Gesellschaft akzeptiert sein. Ein Seneschall kann von der Gesellschaft schlicht als besserer Lakai eines Fürsten angesehen werden, mit wenig eigenem Ansehen. Anderer Personen Meinung hingegen können innerhalb einer Domäne von großer Bedeutung sein, ohne dass die Person selbst ein Amt bekleiden würde. Manchmal werden gesellschaftlich besonders einflussreiche Personen als „Harpyie“ bezeichnet – höchst wahrscheinlich halb ehrfürchtig, halb spöttisch in Anspielung auf den Bund der Harpyien. Und es soll schon junge Kainiten gegeben haben, die jahrelang glaubten, dass „Harpyie“ ein offizielles Amt wäre, verliehen vom Fürsten und ausgestattet mit dem Recht der sozialen Kontrolle und der Pflicht die Sitten und Gebräuche zu schützen – ein bedauerlicher, wenn auch verständlicher Lapsus, ist doch das Ansehen innerhalb unserer Gesellschaft von allerhöchster Bedeutung.