”Alle Neonaten sind gleich. Mir jedenfalls.”  (unbekannter Ancilla)

 Das Spiel als Ancilla und noch mehr als Ahn unterscheidet sich fundamental vom Spiel als junger Vampir. Zum einen spielen die Wertevorstellungen früherer Zeiten eine weitaus größere Rolle, zum anderen tragen Ancillae und noch mehr die Ahnen aufgrund ihres Standes in der politischen und sozialen Hierarchie viel viel mehr Verantwortung für das Spiel und den Spaß der anderen Spieler (Darsteller anderer Ancillae und Ahnen inklusive).

Das Erste, was man als Spieler eines Ahnen oder Ancilla daher tun muss, ist: Sich der Verantwortung für das Spiel bewusst zu werden. Und: Mit den Handlungsoptionen, die man als Ancilla und Ahn zweifellos hat, das Beste für das Spiel aller zu machen: Je mächtiger und einflussreicher der Charakter ist, den du spielst, desto mehr musst du dein Spiel in den Dienst von anderen stellen.

Was bedeutet das? Nun, angenommen, es würde ein großes überregionales Treffen stattfinden, und auf diesem Treffen würde ein Schreiben vom Sabbat auftauchen, der droht, das Treffen zu überfallen, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden. Wenn die obige Regel nicht gelten würde, würden die Ahnen aufstehen, den Drohbrief mit Auspex eindecken, den Neonaten und Ancillae sagen „Wartet mal kurz“, dann stolz und heroisch hinausstolzieren und mit ihren ahnenmäßigen Superkräften den Sabbat mal eben wegrotzen. Doch hätten sie damit für Spielspaß gesorgt? Wohl kaum.

Ein weiteres Beispiel: Der Spieler des großen bösen mächtigen Prinzen-Ahnen hat seine Zwischenprüfung BWL versiebt und ist schlecht drauf. Er kommt mit seinem Ahnen, stellt sich zu den Neonaten an die Bar, nimmt ein Bier (natürlich nur um die Maskerade zu wahren) und plaudert munter über Nichtigkeiten, ehe er wenig später unverhohlen eine Neuspielerin angräbt. Funfaktor für die Spieler: Wieder Null.

Machen wir uns nichts vor: Eines der Hauptelemente von Vampire ist das ungeheure Machtgefälle zwischen alten mächtigen Ahnen auf der einen und dem frisch erschaffenen Neonaten auf der anderen Seite. Und eines der schwersten Elemente dieses Miteinanders ist es – rollenspieltechnisch betrachtet – sich als Neonatenspieler vor dem Ahnen (der „auch nur ein Spieler“ ist, weil für ihn keine theatralische Hintergrundmusik wie im Film gespielt wird) zu fürchten und sich diesem gegenüber unterwürfig zu verhalten.

Damit die Beziehung zwischen respektvoll buckelndem Neonaten und diesen Respekt verursachendem Ahnen funktioniert, muss letzterer auch einen Beitrag leisten: Der Ahn bzw. Ancilla muss es WERT sein, dass man Ehrfurcht vor ihm hat. Man kann sich nicht einfach hinstellen, „ich hab 40 Diszis“ brüllen und erwarten, dass alles auf die Knie fällt – tatsächlich geschieht dies aber in vielen Runden, und wenn es nicht geschieht, meckern die Ahnen-Darsteller über das schlechte Rollenspiel der Neonatenspieler.

Natürlich: Rein inplay betrachtet KANN ein Ahn einen rosa Wollpulli anziehen, aus Maskerade-Gründen in die Kneipe gehen, sich einen Erdbeer-Daiquiri bestellen und um irgendeinen obskuren Langzeitplot voranzubringen zwanglos mit den Neonaten schwatzen. Offplay allerdings verliert der Ahn durch dieses Gebaren so viel „Distanz“, dass er später kaum noch als fürchterliche, uralte Kraft im Spiel auftauchen kann.

Aufgabe jedes Ahnen ist es darum, den Spielern eine gute Show zu bieten. Es ist seine Pflicht, selbst über gute Witze inplay nicht zu lachen, den Rülpser, der ihm grade die Luft abschnürt, zu unterdrücken, Neonaten links liegen zu lassen und vor allem: Es ist seine Pflicht, zu jeder Zeit das System des Standes, auf dem seine eigene Macht fußt, konsequent mitzutragen, selbst wenn das einmal bedeutet einen ihm zutiefst verhassten, aber hochrangigen Rivalen gegen berechtigte Kritik seitens Niedrigrangiger zu unterstützen. Die Bedürfnisse des Ahnen-Spielers und sein Spielspaß stehen dabei VÖLLIG im Hintergrund. Wenn die Szenerie es von ihm verlangt, den ganzen Abend düster und bedrohlich an einem Tisch zu sitzen, dann ist es seine verdammte Pflicht, exakt das zu tun. Und wenn dann endlich etwas passiert – ein Werwolf kommt rein und frisst sein Kind – dann darf er seine tollen Superkräfte nicht mal einsetzen, sondern muss Ancillae und Neonaten befehlen, das Vieh anzugreifen.

Für Ancillae gilt das Gleiche, wenn auch in etwas geringerem Maße: Der Ancilla ist das BINDEGLIED zwischen Neonaten und Ahn, und muss daher zwar nicht in vollem Umfange zum „Sklaven der Spielinteressen“ werden wie der Ahn, aber er muss sich doch schon ein gutes Stück mehr zurücknehmen als der Neonate. Wie weit, und warum – inplay wie offplay – das wollen wir dir in diesem kleinen Exkurs in das „Mindset“ der Ancilla gerne vorstellen.

Wichtig dabei ist, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen den „guten Gründen“, die es aus der Sicht des Spieles gibt, und denen, die es für den Ancilla inplay gibt. Beide Gedankenmodelle greifen ineinander und sollten gleichberechtigt in dein Spiel einfließen.

Alles, was ich dir gesagt habe, selbst das hier, ist eine Lüge
(Dt. Vampire Grundregelwerk (3rd), ”Unter dem Blutmond”)

Ab und an kann es nützlich sein, diesen Text wieder hervorzukramen und erneut zu lesen, da er Gedanken enthält, die wir nur zu leicht beim wochenendlichen Live-Spiel verdrängen oder schlicht vergessen. Vielleicht hat dieser kleine Exkurs zum Thema Ancillae mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Wenn ja, GUT SO!

Der einzige Grund, warum man Vampire vermutlich länger spielen kann als jedes andere System – gerade LIVE – liegt darin, dass NICHTS unumstößlich feststeht, und die einzige Wahrheit darin besteht, dass es keine Wahrheit gibt.

Wir werden mit jedem Quellenbuch, jedem Clansroman und jedem Wort eines Ancilla oder Ahnen dazu verführt, die Basiserkenntnis zu verlieren, dass wir VAMPIRE spielen. Wir werden dazu verführt, den Prinzen als unumstößliche Macht zu betrachten, als Gesandten des Inneren Zirkels der Camarilla, um unseren Charakter zu kontrollieren. Wir werden dazu verführt, den Sabbat als pur böse zu betrachten und die Camarilla als gut.

NICHTS von dem ist wahr!

Alle unsere Charaktere, die scheinbar noblen wie die offenkundigen Schurken sind VAMPIRE, untote Bestien, tote Leiber, Maden im Fleisch der Menschen, und alle ihre Reden von Güte und Ehre und Treue und Pflicht, all ihre Ämter, die elaborierten Begrüßungen und die feinen Kristallgläser, aus denen sie ihr Blut trinken, sind nur Fassade. Dies darf man nie aus den Augen verlieren. So sehr man inplay seinen Charakter als Brujah, als Vogt, als Ahn, als Ratgeber, als Streiter der Camarilla führt, muss einem wenigstens offplay bewusst sein, dass dieser Vampir sich gewaltig was vormacht.

Wir spielen auf den Live-Treffen immer nur die Interaktionen der Vampire untereinander, just jene Dinge, wo es um Stand und Clan geht, und vergessen dabei nur zu oft die anderen 6 Nächte der Woche, wo unser Charakter JAGD, und TRINKT, und TÖTET, und ALLMACHT besitzt gegenüber seiner Beute, dem Menschen. Wie hält man es als junger Vampir eigentlich aus, die ganze Woche lang, jede Nacht das machtvollste Wesen in der Disko zu sein, ein VAMPIR, nur um am Wochenende dann plötzlich zum impotenten ”Neonaten” innerhalb einer untoten Gesellschaft zu werden? Hält man es ÜBERHAUPT aus?

Wer bist du? Was bist du geworden?

Dies sind und bleiben die zentralen Fragen des VAMPIRE Spiels.