Ahnen sind “Ancillae hoch 2″. Kann sich in ihnen also Noblesse verbergen? Erneut: Jein. Wie der Ancilla, so kann auch der Ahn noble Züge haben, oder ein nobles Ziel. Um aber dorthin zu kommen, wo er heute ist, hat er bereits ungezählte Male über seinen Schatten springen und böse Dinge entweder selber tun müssen, veranlasst oder zumindest stillschweigend geduldet.

Zum Beispiel hat jeder deutsche Ahn und jeder deutsche Ancilla das Dritte Reich miterlebt. Und es geduldet oder gar von ihm profitiert, vielleicht unWILLENtlich, aber gewiss nicht unWISSENtlich. Hätten Ahnen und Ancillae auf Seiten des Widerstandes gekämpft, WIRKLICH gekämpft, hätte man davon schon Wind bekommen.

Vielleicht waren sie entrüstet. Vielleicht sogar kummervoll und betrübt. Aber GETAN haben sie nichts, zumindest nichts Wesentliches. Vielleicht, um das Gewissen zu beruhigen, ein paar Leute außer Landes geschmuggelt. Vielleicht die lokale Polizei dazu veranlasst, Unterlagen zu verschusseln. Aber das war es auch. Und warum? Natürlich um ein größeres, hehres Ziel zu schützen: Die Maskerade. Mit diesem Argument haben sich Ahnen und Ancillae schon immer beruhigt, vielleicht es aber sogar ernsthaft geglaubt. Und ist es so falsch?

Hätten die Ahnen und Ancillae gegen die Nazis gekämpft, wäre die Maskerade gebrochen worden, und die Camarilla wäre zerstört. Was gefolgt wäre, wäre Chaos und Bürgerkrieg unter den Kainiten gewesen, und schlussendlich die Ewige Nacht des Sabbat – gegen den selbst die Nazis wie nette Leute gewirkt hätten.

War es zum Fortbestand der Camarilla nicht recht und billig, das “kleinere Übel” Nazideutschland hinzunehmen? Natürlich war es das.

So zerrinnt die Menschlichkeit. Nacht um Nacht. Schritt um Schritt. Und ihr Schwinden ist ebenso unabänderlich wie ungerecht:

Du brichst auf, den Tyrannen eines verderbten Reiches zu töten. Um ihn zu erreichen, musst du so tun als gehörtest du zu seinen Soldaten. Du gehst durch das Land, und neben dir wird gehungert. Es wird geraubt. Vergewaltigt. Kinder schreien um Hilfe. Und du kannst jederzeit helfen – und so deine Tarnung aufgeben. Das Kind wird gerettet. Du gefasst und getötet. Und der Tyrann lebt weiter. Also gehst du weiter. Und wenn die Reise nicht Tage, sondern Wochen dauert, Monate, Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte gar, so hörst du das Schreien und Weinen nicht mehr. Und dein Herz ist kalt geworden, um sich zu schützen.

Du kommst an das Stadttor, wo Soldaten einen Krüppel mit Steinen bewerfen. Lachen und scherzen. Sie laden dich ein mitzumachen. Um deine Tarnung nicht zu riskieren, machst du mit. Und tötest den Mann. Und lachst lauter als die anderen, um nicht entdeckt zu werden. Und auch sein Tod war es wert, denn nun kannst du in die Stadt, um den Tyrannen zu besiegen.

Falls du nicht selbst zu seinem dunklen Nachfolger geworden bist, wenn du im Thronsaal ankommst.

In dieser Geschichte verbirgt sich das gesamte verfluchte Schicksal der Kainiten. Und der Quell des wahrhaft Bösen, denn kein Ahn und kein Ancilla ist böse um des Böseseins willen.

Überhaupt, “böse”! Ist es böse, nicht mehr über das Leid zu weinen, weil es einen seit Jahren begleitet? Ist es böse, einen Unschuldigen zu opfern, um der Sache zu dienen? Ist es böse, einem tyrannischen Ahnen treu zu dienen, weil, wenn er scheitert, ein noch böseres Übel namens Sabbat über die Menschen herfallen wird? Ist es böse, sich selbst zum Ahnen machen zu wollen, um es besser machen zu können? Und nur bis dahin die Kleidung des treuen Soldaten zu tragen, und so zu tun, als sei man ebenso herzlos wie der Ahn?

Und nicht zuletzt: Ist es böse, Menschen um ihres Blutes willen zu jagen? Selbst wenn du vorsichtig bist, wird dir ab und an ein Mensch unter den Fängen wegsterben, weil deine Bestie zu gierig oder sein Herz zu schwach war. Du wirst deine Opfer mit Krankheiten infizieren und es vermutlich nicht mal wissen. Du wirst jene, von denen du trinkst, mit einer unstillbaren Sehnsucht zurücklassen, die einige deiner schon vergessenen Opfer dazu bringt, ihre Familien zu verlassen, ihren Job aufzugeben, sich das Leben zu nehmen.

Tod und Siechtum verfolgen dich. Immer. Du bist untot. Ein Vampir. Kein Held mit tollen Kräften. Ein Monster. Ein toter Leib, der das Leben Fremder raubt, um selbst weiter existieren zu können. Sagen wir, du versuchst dich zurückzuhalten, dann trinkst du dennoch pro Jahr deiner Existenz von etwa 100 Menschen. Sagen wir, ebenfalls extrem günstig gerechnet, dass es nur in 1 von 100 Fällen zu einem Zwischenfall kommt, der das Leben deines Opfers vernichtet (selbst wenn das nicht immer dessen Tod meint). Dann entspricht die Zahl deiner Jahre als Vampir der absoluten Minimalzahl an Menschen, für deren Tod oder Unglück du direkt verantwortlich bist.

Als 100-jähriger Ancilla hast du selbst bei günstigster Rechnung ZEHNTAUSEND MENSCHEN um ihres Blutes willen gejagt, ihnen ein Stück Seele geraubt, sie wie Vieh genutzt, und HUNDERT MENSCHEN sind in deinen Armen gestorben oder durch dich direkt ruiniert worden.

Kannst du es aus dieser Perspektive heraus noch rechtfertigen, dich für ein einzelnes Menschenleben zu interessieren. Und noch mehr: Einen einzelnen anderen Vampir, der doch genau solch eine Plage ist wie du? Kernformel aller oben getroffenen Schlussfolgerungen ist: “Je älter desto böse“. Dies bedeutet auch, dass, je älter du wirst, desto böser deine Zeitgenossen werden.

Die “böse” bzw. “kalte” Umgebung kann aber nicht ohne Folgen für dich bleiben – selbst dann nicht (was ohnehin extrem unwahrscheinlich ist) wenn dein Vampir mit aller Macht versuchen würde, “gut” zu bleiben (Blick bitte auf die Zahl deiner Opfer, sei dir bewusst, dass dein Vampir all dies erlebt und selbst verursacht hat, und lache einmal kurz und bitter auf).

Trittst du der Kälte entgegen, grenzen dich deine Altersgenossen aus – und du bist ein Geächteter, ein, wegen der Schwäche, Verhöhnter. Das Mindeste, was du tun musst, ist höflich Schweigen zu den “Exzessen der Bösartigkeit” in deiner Umgebung, der Grausamkeit des Prinzen, der Dekadenz der Höflinge. Es ist die einzige Möglichkeit, Teil der Vampirgesellschaft zu sein – und zu bleiben!

Ob das bedeutet, dass du “böse” bist, weiß ich nicht. Und dein Charakter vermutlich auch nicht. Auf jeden Fall aber ist er abgestumpft. Leidenschaft liegt ihm nicht mehr, seine vorschnelle Art hat er abgelegt, seine Impulsivität schwindet dahin – andernfalls wäre er schon gestorben, oder hätte sich angesichts des Leides der Welt, das er Nacht um Nacht um Nacht um Nacht erlebt und selbst erschafft auch selbst getötet.

Motivation zu Ruhe und Distanz

Nähe und Aufregung sind gefährliche Dinge, denn in ihnen schwelt die Saat deines Untergangs. Sich aufregen und impulsiv handeln bedeutet, durch das Minenfeld toben – es kann eine Weile gut gehen, es IST eine Weile gutgegangen, als du Neonate warst, aber du hast rechtzeitig die Bremse gezogen und dein weiteres Vorgehen in Ruhe geplant. Nur deshalb lebst du noch!

Nähe ist noch gefährlicher, denn Nähe belastet. Geht dir jedes Schicksal nahe, bist du bald ein Wrack. Du erhältst von deinen Ahnen Befehle, gefährliche Befehle, und kannst sie einem Neonaten auftragen, der vielleicht stirbt, oder es selbst tun, was dich selbst zum Tode bringen wird.

Um den Neonaten ins Verderben schicken zu können, musst du Nähe und Verbundenheit heucheln, aber er muss dir in Wahrheit VÖLLIG egal sein, weil sonst deine Seele verkrüppelt.

Du kennst es von den Menschen, hast es in Dutzend Krimiserien gesehen, vom Polizisten, der es nicht verkraftet, einen Partner verloren, ein Kind erschossen zu haben, bis hin zum Veteranen, der ein Wrack ist, ausgebrannt.

Sie alle haben nur EINE Lebenszeit des Leides erfahren, und nichtmal das “geistig gesund” überstanden. Du aber hast dein Leben gelebt, UND bist gestorben, UND bist als UNTOTER wiedergeboren, UND jagst Blut bald jede Nacht, UND hast mehrere Leben hinter dir, dein Ahn vielleicht viele Dutzend – es ist nicht verwunderlich, dass du kalt geworden bist.

Kein Plan profitiert davon, dass du ihn eine Nacht früher durchführst, wenn dafür das Risiko höher ist, dass er scheitert. 

Ruhe ist die Triebfeder deines Handelns, wenn du auch noch nicht so ruhig und kalt wie ein Ahn geworden bist.

Kein Plan profitiert davon, wenn du dich persönlich aufregen lässt, denn deine Gefühle trüben dein Urteilsvermögen.

Distanz verhindert Gefühle, und ist darum – mit einigen wenigen, kostbaren Ausnahmen der persönlichen Feindschaft, in denen du dir den Luxus des Hasses gestattest, diese LEBENDIGE Gefühlsregung – das Prinzip deines Denkens.