Die oft fälschlich als Gefallen bezeichneten Dienste und die damit einhergehenden Schulden sind unter den Vampiren die Währung und dabei kennen diese noch weniger Spaß als wir Sterblichen mit großen Geldsummen. Warum fälschlich als Gefallen bezeichnet? Ein Gefallen bzw. eine Gefälligkeit ist dem Sprachgebrauch nach eine Art freundschaftlicher Nettigkeit und damit eine Form der gegenseitigen Hilfe, die eher unverbindlich ist. Tatsächlich meinen Dienste keine Gefallen, sondern Gunst oder Gnade im mittelalterlichen Sinn: Sie sind sowohl Zeichen der Macht dessen, der sie gewährt, als auch Zeichen der Ohnmacht und Verschuldung dessen, der sie erbittet oder annimmt.

Warum reagieren Anverwandte auf Verstöße gegen Gunst und Gnade noch wesentlich vehementer als Menschen auf Unterschlagung oder Diebstahl? Weil auf jeden Ahnen ein Vielfaches an Ancillae und erst Recht an Neonaten kommt. Gunst und Gnade sind die einzige Möglichkeit, die Mehrzahl der Jüngeren unter Kontrolle zu halten und so das System der Vampirgesellschaft überhaupt aufrecht zu erhalten.

Wer einen Dienst nicht erwidert oder Schindluder mit der altertümlich bzw. traditionell als Largesse bezeichneten Gunst oder Gnade betreibt, ist nicht nur ein Ehrloser, mit dem man besser keine Geschäfte macht: Wer Largesse nicht erwidert, wirkt unmittelbar daran, die Gesellschaft der Anverwandten und die Macht der Ahnen niederzuwerfen. Dienste sind daher alles. Sie sind das wichtigste Werkzeug, durch das die Camarilla funktioniert, und der einzige Weg der Jüngeren zu mehr Macht zu kommen. Zwischen den Anverwandten existiert so etwas wie Gefallen aus Nettigkeit nicht, nicht einmal in derselben Familie. Es gibt nur Dienste und die mit ihnen einhergehende Schuld.

Dienste erlauben dir, Dinge zu tun. Du kannst einen Ahnen danach fragen, etwas für dich zu tun. Er kann natürlich ablehnen. Es sei denn, er schuldet dir bereits einen Gegendienst. Natürlich gibt es andere Optionen: Du kannst alles auch alleine machen. Denn natürlich bist du ein irre mächtiger Charakter mit einem Datenblatt zweimal so groß wie das des Justikars und fähig, Kain im direkten Zweikampf zu besiegen. Und nun hau ab, bitte.

Die Camarilla ist so gemacht, dass jeder – Ahnen inklusive – Deals machen muss. Und Dienste sind die Geldwährung für diese Deals. Der Haken dabei: Sofern du keinem von deiner Gunst oder Gnade erzählst, existiert sie nicht. Wie Geld, das durch Könige oder Regierungen herausgegeben und zertifiziert wird, müssen auch Dienste irgendwo registriert werden, und das übernehmen die Harpyien. Diese müssen genau Buch führen über die getätigten Geschäfte zwischen den Anverwandten und im Idealfall diese Geschäfte auch den anderen Harpyien mitteilen. Je öffentlicher ein Dienst und das dahinter stehende Geschäft ist, desto sicherer ist das auch die gelobte Gegenleistung erbracht wird.

Manchmal melden clevere Anverwandte ein Dienstgeschäft nicht bei der eigenen Harpyie an, sondern der anerkannten Harpyie einer anderen Domäne. In anderen Fällen verkünden Anverwandte einen Dienst öffentlich gegenüber der ganzen Domäne. Auch das schriftliche Niederlegen nebst Unterschrift im eigenen Blut ist absolut üblich, wenngleich auch dies im Streitfall auf eine Bewertung durch die Harpyien hinausläuft.

Wer überführt wird, eine versprochene Gegenleistung für eine gewährte und akzeptierte Gnade oder Gunst nicht erbracht zu haben, verliert sofort allen Status und gilt als geächtet. Sein Wort ist nichts mehr wert (das schließt Aussagen vor Gericht oder Stellungnahmen bei Hof ein) und alle Ämter gehen somit verloren. Oft fordern die empörten Harpyien, der Geschädigte oder auch die durch solchen Frevel beschmutzte Öffentlichkeit weitere Strafen, etwa Brandmarkung, Schandringe, die Ausweisung und sehr oft die Beschlagnahmung aller Güter und Besitztümer inklusive Ghulen, Einfluss, Geld etc. Auf manche wartet sogar die Blutjagd.

Natürlich könnte man fälschlich behaupten, ein anderer habe Largesse nicht bezahlt. Dies gilt als falsche Anschuldigung und wird ausnahmslos mit der Vernichtung bestraft. Um eine falsche Beschuldigung weitgehend unmöglich zu machen, versuchen die meisten Anverwandten nach Kräften ihre Gunst und Gnade ebenso wie ausstehende Schulden öffentlich zu machen. Aus diesem Grunde verlangt der Geber des Dienstes oft von seinem Schuldner, einen “Gunstbeweis” zu tragen, etwa ein Schmuckstück, das deutlich macht, dass die gewährte Gnade vollumfänglich anerkannt wird. Um eine gewisse Vergleichsmöglichkeit zu bieten, sollten 95% der Dienste in die Gunst Kategorie fallen, also nebensächliche Dienste, Dienste oder große Dienste sein. Die beiden Gnadenakte Blutdienst und Lebensdienst (und somit Blutschuld und Lebensschuld) sollten selten sein.

Das Beste an allen Ämtern bei Hofe ist, damit automatisch Gunst gewähren zu können: Wenn du Primogen bist und ein Clansmitglied mit dem Prinz sprechen möchte, kannst du dafür einen Gegendienst verlangen. Genau deshalb entwertet ein Prinz oder Ahn, dessen Ohr jedem gehört, den Reichtum des ganzen Hofstaats, und exakt deshalb macht jeder Höfling ein so gewaltiges Aufhebens darum, wie schwer es war, den Dienst ermöglicht zu haben: All dies ist Bestandteil einer Verkaufstaktik, den eigenen Dienst möglichst hochwertig erscheinen zu lassen.

Der ganze Unfug von Clansloyalität etc. hat klare Grenzen, nämlich wenn deine eigenen Interessen berührt werden. Wenn du unbedingt ein “edles” Mitglied deines Blutes spielen willst sieh die Sache so: Je mehr Dienste man dir schuldet, desto mehr hast du, was du zur Stärkung deines Clans ins Feld führen kannst. Besser, deine Clansgeschwister tun, was du von ihnen verlangst, als womöglich für dich und das Blut schädliche Dinge zu tun.

Prinz zu sein ist die beste Position: Aufnahme in der Stadt zu finden ist der einzige Akt, der kostenlos ist. Alles danach kommt mit Preisschild. Jemand will ein Kind erschaffen? Das ist ein Gunstbeweis – womöglich ein Gnadenakt, wenn der Status des Fragestellers sehr gering ist. Jemand möchte eine neue Zuflucht? Wenn er in der Gunst des Prinzen steht kein Problem. Jemand möchte Vogt sein, aber nicht an den Prinzen blutgebunden werden? Die mindeste Sicherheit dürfte eine Blutschuld sein. Ein Nichtcamarillamitglied möchte in der Stadt leben? Wenn mir das mal kein Akt der Gnade ist. Wenn der Prinz, ein Ahn, der Vogt, der Primogen oder du keine Gegenschuld einforderst, was dann? Dann ist derjenige SCHWACH! Zu schwach nämlich, eine Gegenschuld zu fordern. Oder närrisch genug, sein eigenes Kapital mit beiden Händen zu verschleudern und – besonders ärgerlich – dadurch das Geld der anderen zu entwerten. Rate, wie lange ein solcher Verschwender im Amt bleiben wird.

Wenn ein Prinz dir sagt, dass du etwas tun sollst, kommt er um die Zahlung einer Schuld herum, indem er sagt es diene der Sicherheit der Domäne. Für diese zu sorgen ist in seinem Recht und seiner Pflicht, und indem du dich vorgestellt hast und seine Gastfreundschaft akzeptiert hast, hast du auch bekundet, deinen Beitrag an der Wahrung des Friedens und der Sicherheit zu leisten. Justikare empfangen und gewähren niemals Gnade oder Gunst. Sie stehen über dem System. Justikare und Archonten vertreten die Macht der ganzen Camarilla. Sie benötigen nichts, was ein Einzelner ihnen geben könnte. Archonten haben eine gewisse Toleranz beim Abschließen privater Geschäfte, aber auch sie können auf jeden Dienst zugreifen, indem sie sagen es diene dem Wohl der Camarilla. Oh. Mein. Gott.

Das Schwerste für Spieler am System von Gunst und Gnade ist, den Wert einer Leistung und damit auch der Gegenleistung zu bestimmten. Im Folgenden sind einige generelle Richtlinien genannt, die als Anhaltspunkt dienen können. Generell gilt, dass eine Sache natürlich so viel Wert hat, wie man ihr beimisst. Sprich: Ein Dienst ist so viel wert, wie der Empfänger bereit ist für ihn zu zahlen.

Gunst oder Gnade

Eine generell gute Idee beim Verhandeln des Wertes eines Dienstes ist es, sich zunächst einmal darauf zu verständigen ob es sich um eine Gunst (Stufe 1–3) oder Gnade (Stufe 4–5) handelt. Wie erwähnt sollte es in 95% der Fälle um Fragen der Gunst und nur in 5% der Fälle um seltene Akte der Gnade (Blut- und Lebensschuld) gehen. Die Stufen im Einzelnen sind:

  1. Geringfügige Gunst (Gefälligkeit). Ich werde als Gegenleistung eine einmalige Gefälligkeit erweisen. Ich werde ihn einmal unterstützen, obwohl ich keinen Grund dazu habe, auch wenn mich das in Konflikt mit anderen bringt. Ich werde für ihn einmal eine Disziplin anwenden, sollte er es verlangen. Ich werde in einer Nacht ein politisches Manöver von ihm unterstützen, selbst wenn ich damit im Widerspruch zu meinem Clan oder Prinzen stehe. Die geschuldete Gefälligkeit ist einmalig. Wurde sie bezahlt, ist sie abgegolten. Ich werde zu ihrer Bezahlung nicht mein Wort brechen noch einen Eid verraten, dem ich unterliege.
  2. Geringe Gunst (Gefallen). Ich habe demjenigen, dessen Gunst ich erbeten habe, Ungemach und Mühe bereitet. Daher werde ich mich ebenso anstrengen, die Schuld zu bezahlen. Ich verstehe, dass es mich Ungemach und Mühe kosten wird, meine Schuld zu begleichen. Falls nötig, werde ich ihm sicheres Geleit in feindliches oder fremdes Gebiet geben. Ich werde ihm ein Geheimnis verraten, dass andere meines Clanes oder Klüngels gefährden könnte. Ich werde seine Feinde zerstören, wer immer sie seien. Ich werde ihm körperliche Sicherheit für viele Nächte geben.
  3. Große Gunst (Großer Gefallen). Ich akzeptiere, dass ich in tiefer Schuld von dem stehe, dessen Dienst ich erbeten und angenommen habe. Er hat mir viel Zeit und Mühe gewidmet und mir Macht gegeben, die ich ohne ihn nicht hätte erlangen können, und dabei womöglich seine eigenen Pläne zu meinen Gunsten beschadet. Ich verstehe und akzeptiere, dass ich ihm zur Begleichung der Schuld eine meiner geheimen Kräfte oder mehrere der gewöhnlichen Kräfte beibringen muss, sollte er das verlangen. Ich werde ihm bei der Erlangung seines politischen Ziels nach Kräften helfen, was immer es sei und auch dann, wenn mich dies gegen meinen Clan, Prinz oder Klüngel stellt. Auch werde ich ihm auf sein Verlangen einen geschätzten Besitz von mir übergeben, auch wenn ich diesen erst für ihn erlangen muss.
  4. Blutschuld. Ich verstehe, dass ich der Person, der ich dies schulde, unsäglich viel schulde. Ich bin von seiner Gnade abhängig – ohne ihn wäre ich jetzt nichts. Daher schulde ich ihm Dinge, die nie zurückgezahlt werden können. Ich bin sein. Ich werde mich für ihn in Gefahr begeben, ohne dass er es verlangt. Ich werde für ihn mein Blut vergießen, es schert mich nicht. Ich werde meinen Clan, meinen Prinzen und meinen Klüngel für ihn verraten, es schert mich nicht. Er hat dasselbe für mich getan.
  5. Lebensschuld. Mein Leben gehört ihm. Meine Schuld kann nie beglichen werden, es sei denn ich rette ihm umgekehrt das Leben. Seine Ziele sind meine Ziele. Seine Feinde sind meine Feinde. Seine Freunde sind meine Freunde. Ich bin nur ein Werkzeug seines Willens. Er herrscht über mich und gibt mir Sinn. Ich werde für ihn tun, was immer er verlangt, und wenn das heißt dass ich sterbe so schert es mich nicht. Ich lebe nur durch ihn und er kann über mein Leben verfügen wie er will.

Wie du sehen kannst ist alles über einem kleinen Gefallen sehr dazu geeignet, den Schuldner in eine Position zu bringen in der er zerstört werden kann. Manche würden deshalb sagen: “Ich werde nie einen Dienst annehmen und mich in Schuld begeben”. Das kann ein Nachteil sein: Wer niemandem einen Dienst schuldet, ist eine unkontrollierte Joker Karte, deren Verlässlichkeit unbewiesen ist. Jemand, der keinem einen Gegendienst schuldet, sollte niemals Vogt, Primogen oder auch Harpyie werden können, denn er hat nichts was seiner bestialisch-egoistischen Seite ein Gegengewicht gibt.

Weitere Dienste

Vampir A will einen kleinen Dienst von Vampir B und schuldet ihm einen kleinen Gefallen. Später möchte er noch einen. Statt nun zwei oder noch mehr kleine Gefallen zu schulden, ist es üblich, dass beide Anverwandte sich darauf einigen, diese zu einem großen Gefallen zusammenzufassen.

Investition

Das wirklich wichtigste Element des Largesse-Systems ist das Prinzip der Investition: Wenn du einem anderen Vampir einen Dienst erweist und er dir einen Gegengefallen schuldet, ist es in deinem besten Interesse, diesen Vampir weiter aufzubauen und ihm zu mehr Macht zu verhelfen. Je mächtiger dein Schuldner wird, desto mehr kann er (bei gleichen Kosten) für dich tun: Mit seinen Möglichkeiten steigt der Wert von allem, was er für dich tun kann. Ihm seinerzeit einen Dienst erwiesen zu haben ist damit eine lohnende Investition gewesen.

Oder noch direkter: Tote Vampire zahlen keine Schulden zurück. Folglich hat jeder Gläubiger ein Interesse daran, dass du überlebst. Und noch mehr: Wer den Schuldner tötet, hat faktisch Besitz des Gläubigers zerstört. Dieser wird für den Verlust Entschädigung verlangen, und das zu Recht! Wer also jemanden ermordet, dessen Leben einem anderen gehört, der schuldet nun diesem anderen sein eigenes Leben.

Dieser Teil des Protokolls ist einer der entscheidenden Gründe dafür, dass Anverwandte (generell, und speziell in der Camarilla) von Mordplänen zur Lösung ihrer Probleme Abstand nehmen.

Das wahre Geheimnis zur Macht besteht darin, mächtige, verhasste oder einflussreiche Anverwandte dazu zu bekommen, dass man ihnen etwas schuldet. Dadurch profitiert man nicht nur durch den empfangenen Dienst, sondern man hat den Gläubiger zugleich hinter sich und kann dessen Namen anführen, um andere Feinde abzuschrecken. Der schäbige Anarche in der Ecke mag so aussehen als verdiene er eine Tracht Prügel, wenn er aber sagt, dass er Vincent Vogt einen kleinen Gefallen schuldet und Peer Prinz zudem einen großen Gefallen für den milden Schuldspruch letzten Monat, dann muss dir klar sein dass du all diese Schulden übernehmen wirst, wenn du ihn tötest.

Manchmal mag es so aussehen, dass der Schuldner tatsächlich mehr vom Gläubiger profitiert als umgekehrt. Deshalb gewähren auch nicht alle Ahnen unbegrenzt Gefallen an irgendwelchen Abschaum. Diese Verknappung der gewährten Dienste steigert umgekehrt wiederum ihren Wert. Das System der Largesse ist ein geschlossenes System, bei dem anscheinend jeder profitiert. Das Ergebnis ist jedenfalls genau jenes starre politische System, in dem Konflikte im Einklang mit dem Protokoll durch Statusverlust und Ausgrenzung statt durch Mord und Totschlag gelöst werden.

Die einzigen übrigens, die vom System der Entschädigung ausgenommen sind, sind Prinzen, Justikare und Archonten: Wer für den Bruch eines Gesetzes verurteilt und zerstört wird, dessen gesammelte Schulden erlöschen mit ihm. Tatsächlich kann der Gläubiger froh sein, wenn keine Fragen dazu auftauchen, ob das Verbrechen etwa irgendetwas mit der Begleichung von Schulden bei ihm zu tun hatte. Was üblicher Weise natürlich der Fall ist.